letzte Änderung 06.07.2011 18:17 Uhr Kapitel 1 - neu -






1. DER "LUG UND TRUG" MIT DEN RISIKOPROFILEN

Gemäß § 31 Abs. 5 WpHG haben Kreditinstitute vor der Durchführung von Wertpapierdienstleistungen von ihren Kunden Angaben über deren Erfahrungen und Kenntnisse in Bezug auf Geschäfte mit bestimmten Arten von Finanzinstrumenten einzuholen.

Das Produkt darf bei einer Kundenberatung nur empfohlen werden, wenn der Anleger auch über die Kenntnisse verfügt.
Beim Direct-Broking wird der Kauf abgelehnt, wenn die erforderlichen Kenntnisse nicht vorhanden sind.

Die Banken teilten dazu die Erfahrungen und Kenntnisse in Risikoklassen ein. Statt die Politik bzw. der Gesetzgeber hier einheitliche Vorgaben macht, ist dieses offensichtlich nicht gewollt. Manche Banken haben 4 Risikoklassen, andere wiederum 8.

Aber ganz gravierend wird es bei den Bezeichnungen der einzelnen Wertpapierarten. Diese sind von Bank zu Bank unterschiedlich. Bei der Citibank gibt es den Begriff "Anleihen" oder "Schuldverschreibungen" als separate Wertpapierform überhaupt nicht, trotzdem diese Kategorie in jeder Standardaufklärung "Gang und Gebe" ist. Selbst der Begriff Schuldverschreibungen taucht nicht auf. Verfügt ein Kunde ausschließlich nur über Kenntnisse von sicheren Bundesanleihen, die er vielleicht jahrzehntelang schon erwarb, so hat er bei der Citi-Bank schlechte Karten. In dem Fragebogen sind an erster Stelle "Bankeinlagen", "Geldmarktfonds" und "€-Renten" angegeben. Anleihen sind aber keine Bankeinlagen oder Geldmarktfonds. Dementsprechend würde nur der Begriff "Renten" übrig bleiben. Nun warb die Citibank, wie auch andere Banken, seit zahlreichen Jahren mit Banksparprodukten zur privaten Altersversorgung. Dies geschah im Internet und mit schriftliche Produktinfos, die groß in den Filialen auslagen. Die Produkte enthalten in der Bezeichnung das Wort "Renten", was auch der Anlageform entspricht. So gab es z. B. im Jahr 2006 das Produkt "Citi Privat Rente Dynamik" unter dem Slogan "Citibank mit dynamischer Rentenversicherung".  Dementsprechend steht für den Kunden fest, dass es sich bei dem Begriff "Renten" nur um solche Produkte handelt.

Citibank Rentenprodukt

Was macht nun aber der Kunde, der ein Leben lang ausschließlich sichere Bundesanleihen erwarb und sich nur damit auskennt. Es gibt keine Anleihen und Schuldverschreibungen und schon gar nicht die sicheren Bundesanleihen. Was für ein Zufall, erst in der zweiten Kategorie führt die Citibank das Wort "Anleihen", bzw. "Staatsanleihen" auf. Diese sind aber in Fonds eingebunden. Da eine andere Auswahl nun nicht zur Verfügung steht, bleibt dem Anleger gar nichts anderes übrig, als Kenntnisse in dieser Rubrik anzugeben. Und schon ist er in der Falle. Die Staatsanleihefonds werden mit Kenntnisse von Zertifikaten gleich gesetzt. Hiermit beweist die Bank, dass der Kunde angeblich ein professioneller Zertifikate-Anleger ist, trotzdem er nicht im geringsten Ahnung davon hat.  Und insbesondere wird der Investor auch noch mit einer großen Sicherheit getäuscht. Schließlich wären damit Bundesanleihen genauso sicher wie Zertifikate. Nun liest der Bürger in den Zeitungen, dass das Vermögen nur bei einer vernünftigen Risikostreuung erhalten werden kann. Was liegt da näher, zwei gleichwertig sichere Anlagen im Depot zu haben, Bundesanleihe und Zertifikate.  Und hatte Jemand früher z. B. nur sichere deutsche Bankanleihen im Bestand, dem wurde die Kategorie der "nicht-€-Renten "aufgebrummt, da etwas treffendes nicht existierte. Durch die nun fiktive Einordnung der sehr simplen Bankanleihen in eine Gruppe mit teilweise kaum zu identifizierenden komplexen Anlagen, machte die Bank aus dem einfachen Anleger schon fast einen studierten Finanzprofi.

Hier wird geschickt ein angeblicher Standard, der nie existierte, missbraucht. Nach den Begriffen "Schuldverschreibungen" und "Anleihen", dachten sich die Banken eine weitere Bezeichnung aus. Um den Anleger zu täuschen, können Anleihen auch Renten heißen, was der Bürger aber nicht wissen konnte und selbst heutzutage kaum publik ist. Statt die Politik die Lehren daraus zieht und gesetzliche Festlegungen trifft, sehen die Politiker nur tatenlos zu, wie alles schlimmer wird und die nächste Finanzkrise schon vor der Tür steht. Jede Bank kann Bezeichnungen erfinden, gebrauchen und vertauschen, wie es ihr gerade gefällt. Bereits im Jahr 2006 fragten die "Grünen" im Bundestag an, ob es z. B. für Zertifikate eine gesetzliche Definition gibt, was verneint wurde. Eine Notwendigkeit aktiv zu werden, wurde weder damals noch heute gesehen.

Nachfolgendes Beispiel wäre genau das Gleiche. Ich kaufe mir ein Auto, habe aber keinen Führerschein. Jetzt benenne ich das Auto in Fahrrad um und schon kann ich ohne Führerschein fahren. Warum lässt die Politik dieses dann nicht auch zu?

Ich erwarb meine Wett-Anleihe allerdings nicht bei der Citi-Bank, sondern über die Comdirect-Bank. Die Comdirect-Bank hat die vorhandenen Wertpapierkenntnisse in 6 Risikoklassen eingeteilt. Ich wählte die dritte Risikoklasse "C" aus, die als Bezeichnung "moderat konservativ" trägt. Diese Kategorie berechtigt mich Euro-Anleihen zu kaufen. Wie ich schon erwähnte, hing eine Anleihe von der Finanzkraft des Emittenten ab und hatte somit ein einfaches Risiko des Totalverlustes. Nun erfanden gewisse Banken Wetten auf bis zu 25 Referenzunternehmen. Sie gaben diesen Produkten ebenfalls die Überschrift "Anleihen". Egal ob der Investor jetzt  ein einfaches Risiko des Totalverlustes hat oder das Risiko vielleicht 25 Mal so hoch ist, mit dem Risikoprofil für Anleihen kann der Anleger nun die riskantesten Produkte überhaupt erwerben. Und auch der verschleierte Verkauf von faulen Krediten oder Kreditrisiken über ausländische Briefkastenfirmen ist möglich. Der Investor spielt dabei den Kreditversicherer, ohne das er davon die geringste Kenntnis hat. Egal ob nun hoch riskante Wetten oder Kreditversicherungen oder sonst was zusammen gestellt werden, der Emittent muss dem Wertpapier nur den Namen "Anleihe" verpassen. Schon kann er unermessliche Gewinne mit fast allen Anlegern machen.

Die emittierende DZ Bank hatte meine Cobold 62 Wett-Anleihe als chancenorientiert eingestuft. Damit durfte ich die Anleihe bei der Comdirect-Bank mit der Kenntnisstufe "C" mit moderat konservativen Kenntnissen erwerben. Die Muttergesellschaft der Comdirect-Bank, die Commerzbank AG hat ebenfalls 6 Risikoklassen. Die mittlere Klasse ist konservativ, wie ich sie in etwas abgeschwächter Form bei der Comdirect-Bank führte. Die höchste, spekulativste Risikoklasse heißt "chancenorientiert", was exakt den vorausgesetzten Kenntnissen zum Erwerb der Cobold-Anleihe entsprechen würde. Ein "chancenorientiert" bei der Comdirect-Bank ist aber etwas wesentlich anderes als ein "chancenorientiert" bei der Commerzbank. Es gibt keine Norm. Jede Bank kann die Begriffe je nach Belieben selber wählen, ausgestalten und zuordnen. Während chancenorientiert bei der Commerzbank das spekulativste überhaupt darstellt, soll chancenorientiert bei der Tochtergesellschaft etwas sicheres sein.





Es sind aber auch alle Anleger "verseucht", die irgend wann einmal in ihrem Leben Aktien kauften. Da Aktien die spekulativste damalige Anlageform war, besitzen diese Investoren Wertpapierkennnisse, die sämtliche neu erfundenen Wertpapiere für immer und ewig einschließen.

In einem Gerichtsprozess zu Cobold 62 ging es um eine Erbschaft von 100.000,00 €, die in diese Wett-Anleihe angelegt wurde.

Der Kläger besaß aber im Jahr 1997 Aktien im Wert von rund 700,00 € und war nun aus Banksicht ein ganz routinierter Anleger für diese Wett-Anleihen.